Schlaglichter zur Fachtagung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung in Kooperation mit dem Bündnis für Alphabetisierung: „Kunst.Kultur.Aktion.“

04.-06. November 20009 in Hannover

Am Rande der Tagung bat ich Lernende und Nichtlerner, auf einem Blatt Papier das Wesentliche eines Gesichtes zu zeichnen. Dabei ging es nicht um Perfektion, zeichnerisches Können oder einen Test, sondern um ein persönliches Interesse daran, was Individuen als die wesentlichen Merkmale abbilden würden, anhand derer man ein Gesicht erkennen kann. Und es ging auch um die Frage, ob es dabei einen Unterschied zwischen Lese- Schreiblernern und Nichtlernern geben würde. Die wichtigsten Ergebnisse:

Man kann anhand der Zeichnungen keinen Unterschied zwischen Lese-Schreiblernern und Nichtlernern ausmachen. Sogar das anfängliche Misstrauen gegenüber der Bitte, das Wesentliche eines Gesichts zu zeichnen, teilten beide Gruppen.

Die Befangenheit (und Unbeholfenheit), sich zeichnerisch auszudrücken, war genauso stark spürbar wie die Sorge davor, dass die Zeichnung negativ bewertet werden könnte.

Das kleine Experiment zeigte, wie schnell wir uns auf Wackelböden wiederfinden, wenn die üblichen Ausdruckswege verlassen werden und – wie in diesem Experiment – die Zeichnung als Medium des Selbstausdrucks bzw. der Kommunikation eingesetzt werden soll.

Solche Erfahrungen bringen Unterrichtenden, Pädagogen, Projektleitern, Politikern u.a. die filigrane Alltagswelt von Menschen ohne Schrift auch emotional näher.

Ein Medium soll benutzt werden, das man nicht beherrscht, und schon ist die Angst da, für das Produkt ausgelacht zu werden. Und immer wieder zeigt sich, dass gerade die Schriftsprachkundigen oft eine ganz besonders ausgeprägte Sorge haben, als nicht kompetent bewertet zu werden. Auch (und gerade?) für Literalisierte gilt es, Nichtkönnen zu tabuisieren. Die Angst, von anderen negativ bewertet zu werden, ist offenbar eine der stärksten Ängste überhaupt, egal, ob man lesen und schreiben kann oder nicht. 

Timm Helten, Projekt „iChance“
Marion Döbert, Leiterin der alphabund-Transferstelle

Zahlreiche Beiträge zur Tagung zeigten, dass Lese- und Schreibprobleme bei Erwachsenen nach wie vor – und das nach fast 30jähriger Lobbyarbeit und nach sechs Jahren Weltalphabetisierungsdekade! – immer noch ein Tabuthema ist.

So wunderte sich eine Repräsentantin aus der Politik in ihrem Grußwort darüber, dass die Thematik nicht auf der politischen Agenda ganz oben stehe.

Manchmal bedarf es erst eines Besuchs aus den Niederlanden, um ganz einfache Lösungen zu finden:

Die neue Vorsitzende der Stichting ABC ging am letzten Tag der Tagung an das Mikrofon und schilderte ungefähr dies:
„Tja, ich war hier mal draußen, eine Zigarette rauchen. Die Frau aus der Politik auch, die wollte auch eine Zigarette rauchen. Ich sagte:`Analphabetismus steht bei Ihnen nicht oben auf der Agenda?´ `Nein`, sagte die Dame. Da sagte ich: `Dann setzen Sie das Thema oben auf die Agenda!`“.

Die Klarheit des Denkens und des Redens der Lernenden brachten erfrischende Beiträge zwischen der großen Fülle an Vorträgen rund um die Themen Kunst, Kultur und Aktion.

„Ich habe in der VHS das Lesen gelernt. Jetzt habe ich mit 55 Jahren mein erstes Buch gelesen.“ Wenn ein Lerner so etwas am Mikrofon vor rund 300 Menschen sagt, dann ist dem nichts mehr hinzuzufügen außer der betretenen Betroffenheit all der Leserinnen und Leser, die wissen, was dieser Mensch bis dahin alles verpassen musste.

Tabus gibt es für die selbstbewussten Lernerinnnen und Lerner aus den Niederlanden kaum noch. So benennt die Vorsitzende der Stiftung ABC die Lebenssituation von vielen funktionalen Analphabeten ohne Umschweife: „Wir haben uns immer nur im Dreck wälzen müssen.“ Die logische Konsequenz heißt für sie: das Tabu brechen, indem die Lernerinnen und Lerner an die Öffentlichkeit gehen!

Theo van Kessel, Lerner und Botschafter für Alphabetisierung in den Niederlanden, tut dies seit vielen Jahren. Lässig sitzt er mit seinem Käppi zwischen den deutschen Lernerinnen und Lernern auf der Tagung und präsentiert die neusten Materialien für Öffentlichkeitsarbeit: Schlüsselanhänger mit dem Logo der Stiftung ABC, eine Karte, die man wie Glückwunschkarten öffnen kann und bei der statt des „Happy- birthday- to- you“ ertönt : Du hast Probleme mit dem Lesen und Schreiben? Du willst es lernen? Dann rufe an: Stiftung ABC und dann die entsprechende Telefonnummer.

Theo van Kessel hat – so wie die ebenfalls anwesende Selbsthilfegruppe aus Ludwigshafen – ganz wesentlich dazu beigetragen, dass aus anfänglich einer Handvoll Lernenden bei der Fachtagung in Hannover nunmehr 70 Lernerinnnen und Lerner geworden sind, die aktiv Workshops anbieten und mit ungeheurer Disziplin und Motivation dem dichten Vortragsprogramm aufmerksam folgen. Ihr Wissensdurst ist förmlich im Raum zu spüren.

Auch als Vortragende treten Lernende bei dieser Tagung auf. Die Lerner des ABC-Projekts ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen der ABC-Zeitung. René und Maike von der KVHS Norden sprechen zum Thema „Alphabetisierung und Humor“ und Ingo vom Alpha-Team Hamburg präsentiert die von ihm entwickelte Lerner-Karte, mit der diskret – z.B. beim Arzt oder bei Behörden – auf Probleme beim Lesen und Schreiben hingewiesen werden kann.  

Heinz-Georg nimmt mich in der Pause beiseite. Seit fünfeinhalb Jahren ist er arbeitslos. Früher war er Sicherungsposten bei der Deutschen Bahn. „Die ARGE bietet mir nichts an. Nicht einmal lernen wollen die mich lassen. Ein Jahr haben sie den Kurs bezahlt. Jetzt kann ich nur lernen, weil jemand, den ich nicht kenne, die Gebühr für mich sponsert.“ Der Kurs kostet 650,- Euro im Jahr. Das ist die andere Seite der Medaille! Lerner, die sich nicht trauen, an das Mikrofon zu gehen, sondern mich ansprechen, weil sie hoffen, dass wir die Dinge zum Besseren beeinflussen können, weil wir Funktionsträger sind, weil wir lesen und schreiben und öffentlich reden können. Ein Anregung für folgende Tagungen: Der Transfer zur Politik und den gesellschaftlichen Akteuren muss noch stärker werden, denn Funktionsträger in der Alphabetisierung können alleine die Nöte von Heinz-Georg und vielen anderen Lernern nicht verändern.

Ein anderer Transfer ist wunderbar gelungen: Wirtschaft macht sich stark in Sachen Alphabetisierung!

V. l. Peter Hubertus, Geschäftsführer Bundesverband Alphabetisierung, Verlagsleiter Ernst Klett Sprachen Verlag Bertold Marohl und Tagungsmoderator Lothar Guckeisen

Bertold Marohl, Verlagsleiter Ernst Klett Sprachen Verlag, Stuttgart, übergibt nicht nur eine riesige Bücherspende an den Bundesverband Alphabtisierung und Grundbildung (BVAG), sondern bekräftigt auch die ideologische Unterstützung durch Klett, die die meisten der Tagungsteilnehmer bereits seit vielen Jahren wertschätzen und zu würdigen wissen. Klett ist ein Name, der unabdingbar mit der Unterstützung von Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland verbunden ist.

 

V. l. Dr. Karsten Menzel, Departement Manager Health & Safety, Peter Hubertus, Geschäftsführer Bundesverband Alphabetisierung und Pressesprecher Martin Reinicke, E-Plus

Dr. Karsten Menzel, Abteilungsleiter Umwelt und Sicherheit, und Martin Reinicke, Manager Social Responsibility, beide von der E-Plus Gruppe berichten engagiert von der Aktion „Ausdauer-Sport für die Alphabetisierung“ und übergeben einen Scheck in fünfstelliger Höhe an den Bundesverband. Auch bei der E-Plus Gruppe besteht schon eine mehrjährige Tradition, Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland zu unterstützen.

Nicht zuletzt berichtet Wolf Nikrandt, Geschäftsleiter Jokers, Verlagsgruppe Weltbild, mit viel Verve von der erfolgreichen Aktion „Jubiläum und Kalender `Lesende Frauen 2010`, und auch hier folgt die Überreichung eines sehenswerten Schecks zugunsten des BVAG. Begeisterung im Saal und bewegte Freude auf Seiten aller Beteiligten!  In der Pause werden schnell noch die letzten Kalender ergattert.

Kultur, Kunst und Aktionen wie diese im Rahmen der Fachtagung tragen dazu bei, Tabus zu brechen, Lese- und Schreibprobleme zu einem öffentlichen, unbefangenen Thema zu machen.

Unbefangenheit! Das ist etwas, was manche Lernerin und mancher Lerner in ihrem Alltag kaum erfahren. Bei dieser Tagung aber gab es u.a. durch das besonders gelungene Abendprogramm mit dem Gitarristen und Sänger Joe Green Raum dafür, die Alltagssorgen einmal zu vergessen und ausgelassen zu tanzen und zu lachen. Und dabei waren sich Lerner und Nichtlerner genauso ähnlich wie beim Zeichnen der Gesichter: erst zögern und sich wehren („Ich kann nicht malen. Ich kann nicht tanzen“), dann vorsichtig ansetzen („Vielleicht sieht ja keiner zu.“) und schließlich einfach genießen! Bei Tabus sind wir uns alle doch recht ähnlich. Zum Glück gibt es Tagungen, diese zu durchbrechen.   

(alphabund, Marion Döbert)

Marion Döbert (links) im Gespräch mit Pamela Buggenhagen, Projektkoordinatorin MEMO
Kunst. Kultur. Aktion.
Projekt-Messe

Die Fotos wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung und vom ABC-Projekt in Oldenburg.

 
 
Deutsches Zentrum fuer Luft- und Raumfahrt e.V. Projektraeger im DLR Bundesministerium für Bildung und Forschung